Hier sollte nicht Digitalisierung stehen. Weil ich an Ihrer Stelle dann geneigt wäre, bereits jetzt mit Lesen aufzuhören. Der Begriff hängt mir nämlich langsam zu den Ohren raus. Und doch, auch ich komme nicht umhin, ihn zu verwenden. Und bin, ganz unter uns, heimlich davon fasziniert. Weil diese Nullen und Einsen das Unmenschlichste sind, was uns je zu Menschen gemacht hat.

Jetzt mal ehrlich. Wir sind schon armi Cheibe. Wir, die IT-Branche. Wir sind schaurig wichtig. Aber alle verkennen unsere Bedeutung. Obwohl wirklich Hinz und Kunz tagtäglich mit uns zu tun haben. Wir sind Alltag geworden und damit zur Selbstverständlichkeit. Es wird nur geschimpft, wenn etwas nicht läuft. Ansonsten sind wir unsichtbar. Gut, das ist vielleicht etwas zu schwarz-weiss. Schliesslich sprechen mittlerweile auch Hinz und Kunz über Digitalisierung. Das Problem ist nur, dass Hinz und Kunz keine Ahnung haben. Das aber nicht wissen, drum mit Überzeugung überall reinplärren und dank deren Nicht-WissenWissen haben wir dann den Salat. In unserer Hauptstadt (nein, nicht Zürich) zum Beispiel, passiert das oft. Wir von Swico versuchen natürlich, das zu verhindern. Das ist echte Knochenarbeit, die meine Kollegen da leisten, sag ich Ihnen. Aber darum geht es jetzt nicht. Wir waren beim Selbstmitleid. Wir haben wirklich allen Grund dazu. Es wird nämlich noch schlimmer. Digitalisierung finden im Grunde alle toll. Fragen Sie nur mal Hinz und Kunz, für wieviel Geld sie für immer und ewig auf dieses Internetz verzichten würden. Sie können natürlich auch sich selbst fragen, aber Sie wissen ja schon, wie wichtig wir, die ITBranche, sind. Aber Sie können vielleicht von Ihrer eigenen Antwort auf die Antwort von Hinz und Kunz schliessen. Und jetzt kommt’s: Plötzlich finden uns doch alle wichtig.

Sündenbock IT

Und trotzdem, es wird immer noch auf uns rumgehackt. Zwar wollen alle digital sein, dass eine Veränderung von analog zu digital aber weitreichender ist als der Wechsel zu einer neuen Zahnpasta-Marke, ja also das hat uns (diesmal Hinz und Kunz) aber niemand gesagt! Jetzt würden wir (die IT-Branche) am liebsten sagen: Doch, haben wir, ihr wolltet ja nicht hören. Tun wir aber nicht, das wäre ja Kindergarten. Ätsch. Nein, stattdessen ertragen wir geduldig, dass man uns zum Sündenbock macht. Wir müssen uns zum Beispiel anhören, dass wegen uns in Zukunft
hunderttausende Arbeitsplätze verschwinden werden. Klar, einige räumen dabei auch ein, dass es neue Berufe geben wird. Neue, hochqualifizierte Berufe. Was es aber nicht viel besser macht. Weil, was ist dann mit all den weniger gebildeten Menschen, die dann in Zukunft keine Arbeit mehr haben?!

Fertig lustig

So. fertig jetzt mit Zynismus und prätentiösem Selbstmitleid. Denn jetzt wird es ernst. Damit ist wirklich nicht zu spassen. Weil diese Menschen gibt es. Menschen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, weil sie wegrationalisiert werden. Das schleckt keine Geiss weg. Und aus Perspektive der Betroffenen ist es dabei völlig unwesentlich, ob es hunderte, tausende oder hunderttausende sind. Denn für jeden Einzelnen geht es an die Substanz. Manchmal mehr, manchmal weniger. Und ich spreche damit nicht einfach von Finanzen. Sondern von persönlichen Themen. Selbstwert zum Beispiel. Wenn dieser plötzlich wegfällt, weil er durch die Identifikation mit dem Job entstand. Wer ist man dann noch? Ja, ich verstehe die Verunsicherung, die Angst vor dem, was hier auf uns zukommt.

Ein Schimmer Hoffnung

Und trotzdem. Im Grunde freue ich mich auf das, was kommt. Auch wenn ich mich oft winzig klein fühle in Anbetracht der Aufgabe, die wir hier zu lösen haben. Aber als Teil der Generation Y bin ich zuversichtlich. Genau deshalb, weil wir nach dem Warum fragen. Warum verdient ein Investment-Banker ein x-faches einer Pflegefachfrau? Warum bezeichnen wir als intelligent (und damit wertvoll), wer die wildesten Kunststücke mit dem Verstand vollbringen kann. Aber als dumm (und damit minderwertig), wessen mentale Kapazität geringer ist, aber dafür vielleicht durch Empathie und Geduld Nähe zu anderen Menschen schaffen kann? Warum gewichten wir die finanzielle Wertschöpfung so dermassen viel höher als die emotionale? Ist das wirklich richtig? Die Digitalisierung zwingt uns, über den Tellerrand zu denken und auch Antworten und Lösungen auf eben solche Fragen zu finden. Weil sie mit dem, was sie uns nimmt, etwas anderes zum Vorschein bringt. Die Menschlichkeit. Und die, so glaube ich, haben wir erst zu einem kleinen Teil entdeckt.

 

Die Autorin

Anna-Katharina Keller ist Leiterin Kommunikation bei Swico, dem Verband der ICT-Anbieter sowie weiterer verwandter Branchen in der Schweiz. Swico setzt sich als Unternehmensverband für die Interessen seiner Mitglieder in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein und bietet ihnen eine breite Palette von Business-Dienstleistungen.