Nach Faustkeil, Feuer, Rad und Schrift katapultiert uns derzeit etwas in eine neue Ära, das wir noch gar nicht richtig erfassen können. Wir nennen es «Digitale Transformation» und meinen damit, das informationstechnisch vernetzte, kybernetisch gesteuerte Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Was technisch tönt, hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser gesamtes Leben. Erst allmählich beginnen wir zu verstehen, dass wir uns am Anfang einer neuen Epoche in der Menschheitsgeschichte befinden. Wir verabschieden uns gerade von einem jahrhunderte- wenn nicht gar jahrtausendealten Weltbild. Die digitale Transformation ist im Grunde eine Transformation der Gesellschaft. Wohin die Reise geht und wo sie vielleicht endet, liegt jenseits unseres Zeithorizontes. Sicher ist, dass sich damit auch das Arbeitsumfeld deutlich verändert. Das «Unternehmen 4.0» könnte dabei zur grösseren Herausforderung werden als Währungsdruck und Wirtschaftskrise zusammen. Anders formuliert: Die vierte unternehmerische Revolution steht vor der Türe.

Transformation von Mensch und Maschine

Fortschritt gab es schon immer. Das war schon beim Webstuhl, der Schreibmaschine und beim Computer so. Seit rund zehn Jahren beginnt sich unser Leben allmählich anders zu verändern, als wir es bisher kannten. Die Dinge fangen an, sich zu verselbständigen und unser Denken und Handeln zu überholen. Sensorgesteuerte Geräte können eigenständige Aktionen auslösen und Informationen mit anderen Maschinen austauschen, welche ihr Verhalten wieder aufgrund der Inputs anpassen. Noch braucht es zur Entwicklung des entsprechenden Regelwerks den Menschen. Wenn der Kreislauf jedoch einmal in Bewegung ist, kann eine Prozessoptimierung oder -änderung besser und schneller durch die jeweiligen Geräte erfolgen.

 

Die digitale Transformation zeigt sich in vielen Facetten. Aus einer gewissen Distanz betrachtet, lassen sich in Forschung, Industrie, Technik und Wirtschaft jedoch erstaunlich einheitliche Trends erkennen. Sie laufen alle auf ein gemeinsames Ziel hinaus: die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten durch die Erschaffung humanoider «Dinge». Im Wesentlichen wird weltweit intensiv an der Nachbildung und Übertragung physischer und intellektueller Fähigkeiten vom Menschen zur Maschine getüftelt:

  • Erlernen menschlicher Bewegungsabläufe und Verhaltensmuster
  • Sensorgesteuerte Wahrnehmung von Zuständen und Veränderungen
  • Digitalisierung von Wissen und Erfahrungen
  • Sozialisierung durch Vernetzung und Kommunikation zwischen Maschinen
  • Erkennen von Zusammenhängen durch Auswertung strukturierter und unstrukturierter Daten
  • Förderung eines autonomen Verhaltens von Maschinen aufgrund logischer Erkenntnisse
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Die Entwicklung «intelligenter» Maschinen und Geräte orientiert sich derzeit noch stark an der Imitation menschlicher Fähigkeiten (Grafik: schmid + siegenthaler consulting).

Je nach Verwendungszweck entstehen dabei «Teil-Wesen», welche sich in gewissen Situationen, für welche sie geschaffen wurden, wie Menschen verhalten können. Wird es abends zum Beispiel dunkel, melden Sensoren dem Steuergerät, es soll dem Lichtschalter den Befehl zum Einschalten und der Jalousie zum Schliessen senden. Funktioniert dabei etwas nicht korrekt, wird einem Servicepartner die Störung übermittelt, welcher entsprechende Massnahmen einleiten kann. Dabei lassen sich ganze Prozessketten aneinanderreihen und sogenannte «Workflows» beliebig kombinieren. Die Dimensionen und Anwendungsmöglichkeiten sind dabei praktisch grenzenlos, sofern die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Diese Lücke schliesst sich derzeit in rasantem Tempo, nachdem sich das Internet inzwischen als Medium für Datenverbindungen flächendeckend etabliert hat.

Voraussetzungen für das Unternehmen 4.0

Solche Input-Prozess-Output-Komponenten (IPO) finden bereits seit längerer Zeit Anwendung sowohl beim Geschäftsprozessmanagement als auch bei der Softwareentwicklung. Beide Bereiche bilden zentrale Grundlagen für die Entwicklung digitaler Unternehmensmodelle, so dass man fast versucht ist zu sagen, dass hier etwas zusammenwächst, was schon lange zusammengehört: Dabei teilen sie sich nicht nur das gleiche IPO-Grundkonzept, sondern sind bei ihrer Umsetzung im Unternehmen seit jeher untrennbar verknüpft. Gibt die Modellierung von Arbeitsabläufen etwa die Bauanleitung für den IT-Einsatz vor, sind es die Applikationen, welche für einen reibungslosen Datenfluss durch den Prozesskanal sorgen. Um Prozesse im Sinn der digitalen Transformation noch stärker zu automatisieren – und zwar über Unternehmensgrenzen hinweg – braucht es künftig Unternehmenslösungen, welche über eine eigene «Intelligence Engine» verfügen. Moderne Business Software muss demnach in der Lage sein,

  • Ergebnisse aus vorgelagerten Prozessen und unterschiedlichen Datenquellen zu sammeln, zu verarbeiten und auszuwerten
  • aufgrund der Daten selbständige Entscheidungen für Massnahmen zu treffen
  • verarbeitete Daten empfängergerecht und automatisiert an den folgenden Prozessschritt zu übermitteln
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Im Unternehmen 4.0 kommen ERP-Systemen mit einer «Intelligence Engine» eine wortwörtliche entscheidende Bedeutung zu. (Grafik: schmid + siegenthaler consulting)

Um die Komplexität der zusammenhängenden IPO-Teile zu bewältigen, wird Geschäftsprozessmanagement als «Navigationssystem» im Unternehmen weiter an Bedeutung gewinnen. Damit steigen auch die Anforderungen an die prozessverantwortlichen Mitarbeitenden. Einerseits müssen sich diese mit der Fachthematik ihres Bereichs mit allen vor- und nachgelagerten Gebieten – vom Lieferanten bis zum Kunden – auskennen, andererseits müssen sie auch in der Lage sein, Prozesse zu verstehen und ggf. zu optimieren.

Nebst Geschäftsprozessmanagement, intelligenter Business Software und kompetenten Wissens-Arbeitern braucht es für das Eintauchen in die digitale Transformation auch eine entsprechende IPO-fähige Infrastruktur. Das bedeutet konkret: Geräte müssen Daten empfangen, verarbeiten und auswerten sowie den Output an die Folgeempfänger übergeben können. Solche Komponenten müssen nicht zwingend einzelne Maschinen oder Geräte sein, sondern können auch – analog zum menschlichen Körper – im selben «Apparat» integriert sein. Naheliegend das Beispiel eines Roboters, welcher Daten in seiner Steuereinheit verarbeitet und anschliessend die Befehle an seine Greifer und Rollen weiterleitet. Um dies zu ermöglichen, müssen die verschiedenen Teile vernetzt sein und eine gemeinsame Datensprache nutzen.

Geschäftsprozesse im digitalen Wandel

Der prominenteste Prozessbereich, welcher aktuell in Zusammenhang mit der digitalen Transformation genannt wird, ist die Fertigung unter dem Begriff «Industrie 4.0». Dies stellt jedoch nur einen Ausschnitt aus dem Gesamtunternehmen dar. Wie oben dargestellt, geht es bei der digitalen Transformation um einen umfassenden Vorgang, welcher sich nicht nur auf allen Ebenen des Unternehmens abspielt, sondern darüber hinaus das gesamte Umfeld einbezieht. Einen Betrieb wie heute, der als mehr oder weniger losgelöste Einheit funktioniert, wird es im digitalen Zeitalter nicht mehr geben. Die Vernetzung von Produzenten und Konsumenten bringt es mit sich, dass sich ihre Rollen laufend ändern und überschneiden. Was sich im Unternehmen 4.0 alles verändert, zeigt nachfolgende Auswahl einiger Themen. Dabei kommen gesellschaftlich-technologischen Trends wie der Nutzung von Social Media, der globalen Vernetzung, Abhängigkeit von digitalen Medien usw. eine hohe Bedeutung zu. Sie werden die Arbeitswelt zunehmend beeinflussen.

Management

Die Führungskräfte von morgen gehören zu den Eingeborenen einer Welt, welche durch Vernetzung, Virtualität und Technologiewandel geprägt ist. Nicht nur als Anwender, sondern auch in ihrem Denken und Handeln. Die Realität wird zum virtuellen Spiel, Probieren geht über Studieren. Die zeitliche und örtliche Abgrenzung von Kommunikation, Informationen und Unterhaltung verschwindet. Das Smartphone ist TV, Telefon, Zeitung und Büro in einem. Privatleben und Arbeitswelt verschmelzen. Über soziale Netzwerke bleibt man in Kontakt und holt sich aktuelle Informationen. Technologie interessiert meist nur insofern, als sie den (total vernetzten) Zugriff auf Personen, Geräte, Dokumente ermöglicht.

Marketing/Vertrieb

Mit den Veränderungen bei den Kunden setzen sich Marketing und Vertrieb bereits seit geraumer Zeit auseinander. Social Media und Multi-Channel-Shopping werden nach wie vor die starken Treiber in diesem Bereich sein. Rundherum werden noch mehr Services angeboten werden: Beratung, Produkte-Individualisierung, Up-/Cross-Selling, Kundenbindungsmassnahmen, Transport, Garantie, Recycling sind nur eine kleine Auswahl an Optionen. Die persönliche Wertschätzung jedes Kunden oder jeder Kundin wird zur Herausforderung, lässt sich aber mit digitalen Hilfsmitteln lösen (Big Data und Marketing Automation lassen grüssen). Automatisierte IPO-Prozesse und vernetzte Systeme sind die Schlüssel dazu.

Beschaffung/Produktentwicklung

Im Detailhandel bereits seit langem erprobt, sind Themen wie Lager-/Filialbewirtschaftung, Streckengeschäfte und Just-in-Time Lieferungen. Das Unternehmen 4.0 wird seine Lieferanten noch näher an sich binden und in die Beschaffungsprozesse integrieren. Doch damit nicht genug: Auch in diesem Bereich werden ergänzende Leistungen wie etwa proaktive Vorschläge des Lieferanten zur Produktverbesserung oder zu neuen Einsatzmöglichkeiten eine Selbstverständlichkeit sein. Bei der Produktentwicklung werden Lieferanten und Konsumenten aktiv integriert. Mittels Crowd-Sourcing stehen fast unerschöpfliche Ressourcen zur Verfügung. Migros nutzt diese Möglichkeiten bereits seit ein paar Jahren und verzeichnet auf der Crowd-Sourcing-Plattform migipedia.ch 60’000 Benutzer, mit welchen das Unternehmen schon über 50 Produkte entwickelt hat und zu 13’000 Artikeln laufend Feedback bekommt.

Logistik

Ausgehend von der steigenden Kundenerwartung nach rascher (sofortiger) Lieferung und einem immensen Kostendruck haben viele Unternehmen ihre Logistikprozesse in der Vergangenheit bereits stark optimiert. Eine ideale Grundlage, um diese jetzt auch noch zu automatisieren und zu vernetzen! Vom Bedarf über die Bestellung zum Transport und der termingerechten Lieferung bis hin zur Einlagerung und darüber hinaus bis zum Versand an den Kunden können Systeme, Produkte und Transportmittel in Echtzeit miteinander kommunizieren. Bei Störungen im Ablauf werden umgehend Alternativen vorgeschlagen. Die Realisierung innovativer «Unternehmen 4.0»-tauglicher Logistikkonzepte gehört zu den spannendsten Herausforderungen der Zukunft.

Produktion

Die Vernetzung von Maschinen und Produkten untereinander und die daraus abgeleitete Automatisierung von Prozessen gehören zu den Hauptanliegen der «Industrie 4.0»-Initiative. Die Fertigungshalle wird zum cyber-physischen Schauplatz, wo sich IT, Elektronik und Mechanik verbinden und über eine gemeinsame Dateninfrastruktur kommunizieren. Gerade weil der Automatisierungsgrad dabei sehr hoch ist, müssen Arbeitsabläufe im Detail analysiert, verstanden und dokumentiert werden. Da bei diesen Prozessen die Kunden eine zentrale und vor allem aktive Rolle einnehmen, müssen Möglichkeiten eingeplant werden, wo und in welcher Form Kundenwünsche und -bedürfnisse integriert werden können. Losgrösse 1 bedeutet die totale Individualisierung der Serienproduktion – ein Widerspruch in sich? Nicht nur die Entwicklungs- und Herstellprozesse sind davon betroffen, sondern das gesamte Geschäftsmodell.

Service

Maximale Kundenorientierung wird sich in dem Mass in der Servicequalität manifestieren, wie das Unternehmen 4.0 in der Lage ist, proaktiv auf seine Kunden einzugehen. Dazu gehören nicht nur die präventive Wartung von Geräten, schnellstmöglicher Reparatur- oder Austauschservice, sondern auch Beratung und Vorschläge für Zusatz- oder Neubeschaffungen. Dazu braucht es umfassende, tiefe Kenntnisse über den Kunden und die installierte Basis sowie eine aktive Vernetzung aller Geräte im laufenden Betrieb. Kein Gerät ohne Sensor und Sender, lautet die Devise im Service des Unternehmens 4.0.

Organisation und Arbeit werden neu definiert

Die technologischen und prozessualen Veränderungen führen bereits jetzt zu einem markanten Wandel bei Arbeits- und Organisationsmodellen. Immer mehr Firmen setzen auf Flexibilität. Wann, wo und wie gearbeitet wird, steht plötzlich zur Disposition. Technisch ist heute fast alles möglich. Die Herausforderungen liegen oft in der organisatorischen Umsetzung. Mobiles Arbeiten bietet unumstritten viele Vorteile, kann aber aufgrund der permanenten Erreichbarkeit auch zur totalen Erschöpfung führen. Mit der Automatisierung und Rationalisierung von Arbeitsprozessen zeichnet sich aber ein noch schwerwiegenderes Problem ab: Der Wegfall vieler unqualifizierter Jobs. Nicht alle werden in anspruchsvolleren Funktionen platziert werden können. Die sozialen Auswirkungen gehen angesichts der digitalen Goldgräberstimmung im Moment leider etwas unter.

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Das Unternehmen 4.0 wird mit einem breiten, ständig wachsenden Fächer an Herausforderungen konfrontiert. Wer den Anschluss nicht verlieren will, sollte die Entwicklung nicht aus den Augen verlieren. (Grafik: schmid + siegenthaler consulting)

 

 

 

Das «Unternehmen 4.0» ist und bleibt spannend. Noch stehen wir ganz am Anfang einer umwälzenden Entwicklung, in welcher am Ende Darwin Recht behalten wird. Das Rad der Zeit kann auch bei der digitalen Evolution nicht zurückgedreht werden. Es empfiehlt sich, alle «Sensoren» auf Empfang zu schalten und laufend zu prüfen, inwiefern Veränderungen als Chancen genutzt werden können.

Christian Bühlmann

Christian Bühlmann ist Chefredaktor des topsoft Fachmagazin für Business Software.